Schon immer zogen die Menschen nach Frankfurt

Derzeit scheint die Flüchtlingsthematik allgegenwärtig: Keine Ausgabe einer Tageszeitung oder eines Nachrichtenmagazins kommt daran vorbei. Das Thema beschäftigt derzeit und auch in Zukunft die Stadt Frankfurt auf den verschiedensten Ebenen. Während bei der Unterbringung der Geflüchteten momentan in erster Linie Ad-hoc-Lösungen gefragt sind, die naturgemäß temporär und provisorisch sind, werden anerkannte Asylbewerber mittel- und langfristig konventionelle Wohnungen benötigen. Meiner Meinung nach müssen wir den Blick aber noch weiter nach vorn richten, auf die nächsten 15, 20 oder 30 Jahre. Denn auf die lange Sicht müssen wir uns als Stadt und insbesondere als Region auf ein weiteres Bevölkerungswachstum einstellen, das ganz unabhängig ist von der Zahl der Geflüchteten.

Frankfurts Wohnbevölkerung hatte in der Vergangenheit lange stagniert, so wie die anderer westdeutscher Großstädte. Trotzdem war die Stadt eine der dynamischsten Metropolen der Bundesrepublik. Schon immer zogen die Menschen nach Frankfurt und sie zogen wieder weg. Seit nun etwa zehn Jahren wird die gesamtstädtische Entwicklung durch das anhaltend starke Bevölkerungswachstum geprägt. In dieser Zeit ist die Einwohnerzahl um rund 75 000 auf über 710 000 gestiegen. Viele Bürgerinnen und Bürger blicken mit gemischten Gefühlen auf dieses Wachstum, manche fürchten die damit einhergehenden Veränderungen.

In der Tat ist dieses Wachstum mit Risiken verbunden, und einige davon sind bereits spürbar, etwa der deutliche Anstieg der Mieten und Immobilienpreise, der in den stark nachgefragten Stadtvierteln zu Verdrängungseffekten führen kann. Hier droht eine soziale Entmischung innerhalb der Stadt; der Markt leistet es aus sich heraus nicht, alle Einkommensschichten mit Wohnraum zu versorgen. Dies ist kein individuelles Risiko, sondern es gefährdet die Zukunftsfähigkeit Frankfurts. Eine sozial entmischte Stadt ist das Ende von Lebendigkeit und Reibung, von dem, was Stadt ausmacht.

Um mehr Wohnraum zu schaffen, weisen wir als Stadt Frankfurt daher kräftig Wohnbauland aus, unterhalten eine umfangreiche Wohnungsbauförderung und unterstützen die Umwandlung von Gewerbe in Wohnen. Tatsächlich bewegt sich auch der Wohnungsbau auf ungekannt hohem Niveau. Wir müssen aber auch darüber diskutieren, wie wir Wachstum verträglich und nachhaltig gestalten, wie wir ökologische und ökonomische Belange sowie den sozialen Frieden miteinander in Einklang bringen können.

Gerade der letzte Punkt hat viele Facetten. Deutschland ist ein Einwanderungsland und die Großstädte sind in der Regel für Zuwanderer die Orte des Ankommens. Der Erfolg der Integration wird davon abhängen, wie gut eine Stadt darauf vorbereitet ist. Es stellen sich ganz simple Fragen: ob die Menschen, die hier ankommen, Arbeit bekommen, ob sie soziale Netzwerke aufbauen. Ob wir Bildungsangebote für ihre Kinder haben oder ob sie eine Wohnung finden.

Welche Zukunft wir für diese Menschen, für die Zuwanderer vorbereiten, wird darüber entscheiden, ob sich daraus zum Beispiel eine neue Mittelschicht bildet oder ob wir soziale Verwerfungen bekommen werden. Auch dies muss integraler Bestandteil der Überlegungen für eine Stadtentwicklungsstrategie sein. Wir als Stadt Frankfurt haben uns deshalb daran gemacht eine solche Strategie, ein integriertes Stadtentwicklungskonzept für Frankfurt 2030 zu entwickeln – und Antworten auf diese Fragen zu finden. Ein erster Einblick hierzu findet sich auf Seite 27. Das Thema wird uns alle aber weiter beschäftigen.

Olaf Cunitz
Bürgermeister und Planungsdezernent
der Stadt Frankfurt am Main

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